Donnerstag, 10. Juli 2014

Get on Board schlägt sich in die Schlucht - Canyoning Event - Teil 2


Hey Leute,

nachdem uns der erste Teil vom Canyoning-Event durch eine sonnendurchflutete Schlucht mit glasklarem Wasser geführt hat, schieben wir am nächsten Tag mit Teil zwei Kontrastprogramm. Ein Canyon der vor über 100 Jahren eingestürzt ist, ist das Ziel. Moment…eingestürzt? So sieht´s aus! Das Geile daran ist, dass sich beim Einsturz riesige Felsbrocken unten in der Schlucht miteinander verkeilt haben und darunter eine Art Höhle entstanden ist. 

Der Weg zum Einstieg in die Höhle:






Durch dieses Gebilde fließt seit eh und je Wasser und da alljährlich auch das Schmelzwasser da durchpeitscht, hat sich das Wasser seinen Weg gesucht und den Fels umgestaltet. Dadurch sind teils sehr surreale Formen und Konstrukte entstanden. Im einen Moment klettert man zwischen kantigen Felsbrocken, im nächsten seilt man sich durch weiche, geschwungene und runde Gewölbe. 



Aber nicht nur der Fels war anders, sondern auch das Wasser. Zum einen natürlich nicht so klar, denn es führt sehr viel Sand mit sich, und zum anderen war das Kälteempfinden im Wasser anders. Das Wasser im „Sonnencanyon“ war auch ziemlich kalt, aber wenn man wieder draußen war, erholte man sich schnell von der Kälte, weil einem ja die Sonne auf den Pelz brannte. In der Höhle ist das aber nicht so, naturgemäß sind Sonnenlicht und Höhle nicht die besten Kumpels und dementsprechend ist Sonnenlicht rar. Teilweise fallen Lichtstrahlen zwischen Felsbrocken hindurch oder an der einen oder anderen Stelle ist die „Höhle“ oben offen wie eine Felsspalte und dann fällt dort etwas Streulicht in das dunkle Loch. Durch die vielen Wasserfälle in der Höhle, ist die Luft fast immer wassergeschwängert. Das zehrt ganz schön an den Kräften und wenn man einen Moment innehält um die Gesteinsformationen zu bewundern oder an einer Abseilstelle kurz warten muss, wird einem schnell kalt. Aber das nimmt man gerne in Kauf, denn die Canyoning Erfahrung in der Höhle ist eine ganz andere als alle bisherigen. Das ist schon Hammer, wenn man sich aus gleisendem Sonnenlicht durch ein Loch von nur 1,5 Metern Durchmesser in eine 40 Meter Tiefe Steinkuppel abseilt und es dabei um einen herum immer dunkler wird und man die Helmlampe einschalten muss, um sehen zu können wo die Reise hingeht. 


Bitte treten Sie ein:



Innerhalb der Höhle haben wir ein schönes abwechslungsreiches Programm eher technischer Natur. Man seilt viel ab, oft durch oder mitten in Wasserfällen, schwimmt und klettert auch über Felsklötze. Gesprungen wird in der Höhle nicht. An vielen Stellen in der Höhle ist es zappenduster und ohne die Helmlampen würde man die Hand vor Augen nicht sehen. Da will jeder Schritt überlegt sein, man nimmt seine Umwelt in diesen Verhältnissen ganz anders wahr. Jeder Abstieg, der im Sonnenlicht ruck zuck gemeistert wäre, dauert locker doppelt so lange, weil man sich den Hals verrenkt und mit der Helmlampe auszuloten versucht, wohin man überhaupt den nächsten Fuss setzen kann oder wo man beim Abseilen unten aufkommt.



Dazu kommt noch ein wesentlicher Druckfaktor psychologischer Natur mit ins Spiel. Es gibt quasi keine Ausstiege oder Umwege, wie es in allen anderen Schluchten bisher der Fall war. Ist man durch das Einstiegsloch geklettert, hat man seinen Arsch an die Höhle verkauft. Wenn man drin ist, gibt es nur noch einen Weg, den der Höhle. Ist einem eine Stelle zu hoch oder zu haarig, hat man Pech gehabt! Das setzt einen natürlich schon innerlich etwas unter Druck, das man keine Wahlmöglichkeit mehr hat. Dabei ist es dem eigenen Verstand vollkommen wurscht, dass man am Tag vorher noch eine vergleichbare oder sogar viel anspruchsvollere Passage mit einem Grinsen in der Visage ohne mit der Wimper zu zucken durchgezogen hat. Für den einen ist das ein zusätzlicher Anreiz, eine Herausforderung, für den anderen eine Hürde mit der man kämpft und sich selbst überwinden muss…über den angenehmen Punkt hinaus. Wenn man es mit der Angst zu tun bekommt, aber gezwungen ist, weiter zu machen, hört der Spaß natürlich auf. Leider kann man das vorher niemals wissen, schließlich weiß man nicht was einen erwartet. Kerstin muss leider diese Grenzerfahrung machen, erschwerend kommt hinzu, dass sie auf dem zu kraxelnden Weg zum Einstieg auf einem extrem rutschigen Felsen den Halt verliert und sich das Knie anschlägt. Wo ich mich mit meinen langen Gräten locker drüberziehen kann, hat sie mit ihrer kleinen Körpergröße zu kämpfen und so ist die Höhle für sie ohnehin schon ungleich anspruchsvoller.



Wir entscheiden während der Tour wegen dem Faktor Zeit bei der Hälfte der Tour auszusteigen, dort gibt es eine Möglichkeit dem Schlund zu entfliehen. Soweit kommen wir allerdings nicht! Der vorausgehende Guide und Scheff von BergaufBergab, Edi, parkt uns nach drei hohen und kräftezehrenden Abseilstellen an einer sicheren Stelle um den weiteren Weg kurz abzuchecken. Plötzlich kommt er eiligen Schrittes zu uns zurück mit den Worten „Wir sind eingeschlossen!“. Er erklärt uns, dass der Durchgang, durch den es weitergeht, nicht mehr begehbar ist. Normalerweise ist da ein Durchgang von zwei Metern Durchmesser zwischen Fels und Wasser. Scheinbar wurde kurz zuvor viel Sand hier eingespült und so hat sich das Loch auf nur noch einen halben Meter Durchmesser verengt und liegt zudem jetzt unter Wasser. Es wäre Selbstmord, das zu versuchen. Zurück können wir aber auch nicht, denn die drei Abseilstellen können aufwärts nicht genommen werden. 



Dass der Durchgang nicht mehr da ist, ist etwas verwunderlich, denn Edi hat vorab bei der Bergwacht unsere Tour angemeldet und dabei natürlich auch nachgefragt ob mit dieser Tour alles im Lot ist. Die Bergwacht gab grünes Licht. Eine andere Gruppe soll drei Tage vor uns die Tour komplett durchgezogen haben. Wenigstens hängen wir an einer Stelle fest, an der wir Tageslicht sehen können. Hier ist die Höhle oben etwas offen und spaltartig, allerdings liegt die Öffnung gute 35 - 40 Meter über uns. Edi kramt das Notfallhandy raus, um die Bergwacht zu alarmieren, damit die uns hier rausholen. Wie im Abenteuer-Film hat das Teil hier unten natürlich keinen Empfang. Jetzt ist guter Rat teuer. Unsere drei Guides stecken die Köpfe zusammen und beratschlagen, was jetzt am besten zu tun ist. 



Hm, und was könnten wir derweil anstellen? Panik schieben? Ist ne Überlegung wert, geht in den Kinostreifen aber immer in die Hose und kommt daher nicht in Frage. Unsere diesjährige Canyoning-Crew bleibt cool und da wir da so rumstehen und eh nix besseres zu tun haben, tun wir das was wir als pfälzer, kurpfälzer und rheinhessische Jungs und Mädels halt gut können: Brotzeit machen! Getreu dem Motto „Snickers…wenn´s mal wieder länger dauert!“ hauen wir uns ein paar ebenjener rein und was sonst noch so an Proviant da ist. Weil uns dabei auch noch kalt wird, heben wir mal eben den „Cave-Dance“ aus der Taufe. Weil jeder von uns beim Cavedancing in voller Canyoning-Montur und nem Snickers in der Hand absolut bescheuert aussieht, lachen wir uns kaputt. Wenn wir schon eingeschlossen sind, dann wenigstens mit was im Magen und guter Stimmung. Wir machen uns keine Sorgen, aus der Höhle nicht wieder raus zu kommen. Dass wir eine super Crew sind, wird uns jetzt erst so richtig klar. Keiner nässt sich ein oder schreit hysterisch: „Wir werden hier unten alle sterben!“. Wir haben Vertrauen in unsere drei Guides Edi, Günther und Franco. Wir haben schon letztes Jahr gemerkt, dass wir mit Profis am Start sind, die nix anbrennen lassen. Warum sich also verrückt machen? Günther erklärt uns, dass sie kucken wie es weitergeht. Über uns sind Löcher zwischen den Felsbrocken zu sehen, durch die wir durchpassen. Aber die Löcher sind da oben und wir hier unten! Sie versuchen rauszufinden, ob wir da irgendwie rauskommen. Zudem ist die Bergwacht vorab ja über unsere Tour informiert worden und falls wir uns nicht bis 18 Uhr telefonisch dort zurückmelden, sind die Jungs bei der Bergwacht automatisch alarmiert. Das wäre aber die deutlich nachteiligere Option, denn die Bergwacht rückt natürlich nicht schon um viertel nach sechs aus wenn wir uns bis sechs nicht gemeldet haben. Die warten natürlich erst mal noch ne Weile ab, vielleicht ist man ja nur spät dran… dann wird’s aber schon dunkel und da man nicht direkt von akuter Lebensgefahr ausgeht, rücken die auch nicht in der Nacht aus, sondern erst am nächsten Morgen. Für uns würde das bedeuten, dass wir die Nacht da unten in dem dunklen, feuchten und kalten Loch verbringen müssen. 



Nach einer Weile verkünden unsere Guides, dass sie einen Weg gefunden haben, ein Sicherungsseil als „Handlauf“ in die Brocken eingeschlagen haben und wir nun einer nach dem anderen da wohl oder übel hoch müssen. Man kann auch eine Ziegenglocke von da oben runterbimmeln hören. Es muss dort also in die rettende Freiheit führen. Franco ist ganz oben und hält ein Seil auf Spannung an dem der momentan in die Freiheit Kletternde gesichert ist. Edi sitzt auf halber Strecke und Günther unten bei uns im Tal des Todes. Die Wand, die wir hoch müssen lächelt hämisch auf uns herab. Das wird eine echte Härteprüfung, soviel ist uns klar als wir mit Respekt die Felsklötze mustern, die senkrecht und teilweise unterschneidend gute zehn Meter aufgetürmt sind. Dazu sind die Dinger rutschig, teils brüchig und die Flächen an denen man Halt finden muss sehr schräg. Erst geht Yann samt Guide-Rucksack, dann Kerstin. Sie schlägt sich gut, fast ganz oben an der haarigsten Stelle verliert sie aber den Halt und fällt ins Sicherungsseil, eine Schrecksekunde, die Nerven sind zum Zerreisen gespannt. Okay…einen Moment sammeln, Arschbacken zusammenkneifen und weiter. Sie kommt heil oben an.

Hans steht unten am Aufstieg und hält mir das Sicherungsseil hin. Er sagt zu mir, ich soll zuerst gehen, er müsse sich erst noch ein Bild von der Wand machen, seinen Aufstieg planen und mal kucken wie ich das so mache. Die Worte „Ich bin zu alt für diese Scheiße“ liegen ihm auf den Lippen. Nach mir kommt Hans, dann Sandy und zu guter Letzt Tobias. Ihm bricht beim Klettern ein Vorsprung unter den Füßen weg, auch er freut sich über das Sicherungsseil.

Oben gibt es Licht und wird es wärmer, das fühlt sich gut an. Wir hören die Ziegenglocke immer deutlicher und rechnen damit aus dem Loch zu steigen und auf einer Wiese mit Ziegen zu stehen. Da war der Wunsch Vater des Gedanken. Wir klettern aus dem Loch raus und hocken auf einem Felsklotz! 


Die Ziege samt Glocke ist da. In gebührlichem Abstand von etwa zehn Metern am Hang stehend schaut sie etwas skeptisch unserem Treiben zu. Zum Glück hat der Felsen auf dem wir sitzen Anschluss an einen schmalen Grünabschnitt mit Bäumen drauf wohin wir uns retten können. Wir stehen unter permanenter Beobachtung der Ziege, was wohl daran liegt, dass wir offenbar mitten in ihr Wohnzimmer geklettert sind…überall Ziegenschiss!


Nun da wir es aus dem Loch rausgeschafft haben, stellt sich die nächste Frage! „Wie kommen wir nun von hier nach da unten?“.  Immerhin hocken wir nur auf einem Grünstreifen zwischen Felsbrocken mit nen paar Bäumchen drauf und das Tal ist gute 150 Meter weiter unten. Unsere Guides beraten erneut und die Lösung verspricht spaßig zu werden. Sie spannen eine Seilbahn von einem Baum oben zu nem Baum unten über eine Strecke von ca. 40 Metern über eine Mulde aus Felsklötzen hinweg durch deren Spalten man in die Tiefe der Höhle blicken kann. 



Nach dieser Seilbahn kommt gleich die Nächste, noch länger und viel aufregender. Wir klettern an der Seilbahn eingehängt ein paar Meter bis zur Felskante und hängen dann frei in über 30 Metern Höhe. Die Seilbahn hätte nicht imposanter sein können. Aus dieser Höhe rutschen wir an einem Wasserfall vorbei, durch einen Felsbogen hindurch in wärmendes Sonnenlicht hinunter in glasklares Bergwasser. Das war für jeden von uns nochmal ein Schmankerl und hat einen Heidenspaß gemacht.



Gut gelaunt kommen nach und nach alle unten an. Jetzt heisst es nur noch ein Stückchen einen schönen Wanderpfad durch den blühenden und strahlend grünen Wald zu latschen und sich dabei von der Sonne wärmen zu lassen. 

Wieder im Tal angekommen, schälen wir uns aus den Neoprenanzügen und schlendern zum nächstgelegenen Wirtshaus. Dort füllen wir ein paar Bierchen ein und genießen dazu exotische Chips mit Orangen-Senf-Geschmack. Klingt nach Magenentleerung, schmeckt aber überraschend gut. Auch die Wirtin dort bestätigt uns, dass noch drei Tage zuvor eine Gruppe diese Tour vollständig durchgezogen hätte. Nach einem Weilchen dort vor dem Wirtshaus in der Sonne unsere Heldentaten begießend und das Erlebte resümierend, kommt mal wieder die Zeit des Abschieds. So schütteln wir unseren Guides mit den Worten „bis zum nächsten Jahr“ die Hände und machen uns zurück auf den Weg zu unserer Ferienwohnung. Wir sind zeitlich nicht getrieben, denn wir haben bis zum nächsten Morgen gebucht damit wir abends noch chillen können, essen gehen und am nächsten Morgen entspannt wieder am Splügenpass mit Rallyfahrer Tobias an den Start gehen dürfen.


Abschließend muss man sagen war dieses Wochenende ein ganz besonderes. Zum einen war die erste Tour sehr geil, ein unglaubliches und extrem spaßiges Erlebnis. Dagegen war die Höhlentour das absolute Konterprogramm. Dunkel, kalt und ohne Chance auf einen alternativen Weg. Und mit dem filmreifen Notausstieg ohnehin ein Erlebnis das wir nicht vergessen werden. Die Höhle war keine minder interessante oder weniger aufregende Erfahrung. Sie war surreal, faszinierend und fesselnd. Sie hat uns gefordert Baby, keine Frage. Manche bis an ihre Grenzen. Und so markiert sie für einige von uns den Wendepunkt. Wir werden etwas in dieser Form wohl nicht mehr ins Auge fassen, auch wenn die Erfahrung für viele von uns fesselnd war. Wir werden weitermachen, aufzuhören steht außer Diskussion, dafür ist uns das alljährliche Canyoning zu sehr ans Adrenalin gewachsen. Wir werden uns wohl mehr an der „Sonnentour“ orientieren und in deren Stile weitermachen. Von der Schwierigkeit her ähnlich oder etwas abgemildert. Ganz genau kann man das ohnehin nicht einstellen. Jede Schlucht ist anders. Beim Gespräch mit Edi vorm Abschied kommen Schluchten am Lago Maggiore ins Gespräch. Dort hat man wohl die gleichen Bedingungen was Gestein, Wasserqualität und Auswahl an Schwierigkeitsgraden angeht und die Anreise-Strecke deckt sich ungefähr mit der an den Comer See. Also werde ich im Januar wieder bei Edi an die virtuelle Tür klopfen, mich in den Planungswahn schmeißen und dann kucken wir mal was wir am Lago Maggiore so anrichten können.







Euer Markus

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